Anke Doebert
1953
Meine erste Reise nach Norwegen
Til minne om Astrid, Knut og alle som er borte
Kurz nach meiner Geburt im September 1944 flüchtete meine Mutter mit meinen beiden Brüdern und mir vor den heranrückenden Ostfront aus Breslau/Schlesien. Auf der beschwerlichen Fahrt nach Oberfranken, wo wir bei einer Bauernfamilie in Sonnefeld einquartiert wurden, erkrankte ich schwer. Da ich mich auch in den entbehrungsreichen Jahren nach Kriegsende nie richtig erholte, wurde ich im Frühjahr 1953 gemeinsam mit vielen anderen Flüchtlingskindern eingehend untersucht.
Schließlich teilte man meiner Familie mit, ich dürfe einige Monate in Norwegen verbringen. Dort habe man Gastfamilien gefunden, die bereit wären, deutsche Kinder aufzunehmen und ein wenig "aufzupäppeln". In der Tagespresse (auf dem erhalten gebliebenen Zeitungsausschnitt sind leider weder der Name der Zeitung noch das genaue Datum vermerkt) stand damals zu lesen:
„Abschließend konnte der Bürgermeister die erfreuliche Mitteilung machen, dass zwei Kinder hilfsbedürftiger Heimatvertriebener der Gemeinde zu einem vierteljährlichen Erholungsaufenthalt nach Norwegen fahren werden. “
Meine Mutter brachte mich am 04.05.1953 nach Lichtenfels/Oberfranken zum Bahnhof, wo eine Rot-Kreuz-Schwester einige andere Kinder und mich in Empfang nahm. In Würzburg wurde der eigentliche Kindertransport zusammengestellt. Mitten in der Nacht saßen wir aufgeregt im Wartesaal, bis wir in den für uns vorgesehenen Zug einsteigen und endlich schlafen konnten. Einige Kinder weinten bereits vor Heimweh. Für mich war jedoch alles so aufregend, dass ich zunächst keinen Trennungsschmerz verspürte.
An den Hamburger Hauptbahnhof erinnere ich mich besonders gut, denn dort wurde uns eine deftige Erbsensuppe serviert. Vor allem aber habe ich die Verpflegung in Dänemark nicht vergessen: Herrliches Weißbrot gab es da, dick mit Butter bestrichen und belegt mit Wurst und Käse. So etwas gab es bei uns höchstens mal am Sonntag. Hungrig bissen wir in die Brote - und schüttelten uns. Gesalzene Butter! Es dauerte eine Weile, bis wir uns an den fremden Geschmack gewöhnt hatten.
Nach zwei Tagen anstrengender Fahrt kamen wir endlich in Norwegens Hauptstadt Oslo an. Dort wurden wir in ein hohes Gebäude in der Nähe des Bahnhofs geführt. Ein Kind nach dem anderen wurde aufgerufen und von seinen norwegischen »Pflegeeltern« abgeholt. Schließlich stand außer mir nur noch ein Junge wartend im Raum.
Eine jüngere und eine etwas ältere norwegische Dame schauten uns neugierig an. Ich fragte mich gespannt, mit welcher ich nach Hause gehen würde. Es stellte sich heraus dass der Junge noch ein wenig weiter nach Norden fahren musste, um zu seinen Pflegeeltern zu gelangen, während beide Damen gekommen waren, um mich abzuholen.
Sie stellten sich als »Tante Astrid« und »Tante Inger« vor, begrüßten mich liebevoll, nahmen mich in ihre Mitte und gingen Hand in Hand mit mir zum Vorortzug nach Lillestrøm. Bei Astrid würde ich wohnen, erzählte mir Inger, Astrids Schwägerin. Sie sprach ganz gut Deutsch und war mitgekommen, um mir die ersten Stunden in dem für mich noch so fremden Land zu erleichtern. Im Zug wurde ich dann Scheibchen für Scheibchen mit einer Apfelsine gefüttert. Ich staunte, denn Apfelsinen gab es bei uns damals nur zur Weihnachtszeit. Nach etwa einer halben Stunde erreichten wir Lillestrøm, mein Zuhause für die nächsten drei Monate. Astrid lebte damals mit Knut, ihrem Mann und Tron, ihrem Sohn, in der oberen Etage eines gemütlichen Holzhäuschen. Im Erdgeschoss wohnte ihre Schwester Ingeborg mit ihrem Mann und den drei Kindern Mette-Carine, Hans-Petter und Kirsti. Die gleichaltrige Mette-Carine wurde bald zu meiner Freundin und Spielgefährtin.
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