Gleich beim ersten »Middag«, das in Norwegen gegen 17.00 Uhr eingenommen wird, begann mein Sprachunterricht: Ich lernte „takk“ und „vær så god“ und „dette er pølser“, „gullrøtter og poteter“. Irgendwann im Laufe der Mahlzeit packte mich dann doch heftiges Heimweh, denn ohne die anderen deutschen Kinder fühlte ich mich plötzlich sehr verlassen und unsicher. Astrid war voller Verständnis für meinen Kummer, brachte mich bald ins Bett, drückte mich an sich und tröstete mich liebevoll.
Zum Glück bekam ich bald schon regelmäßig Post von meiner Mutter, sie berichtete mir immer ausführlich von den Ereignissen zu Hause. Gegen mein Heimweh halfen mir auch die Besuche bei Fru Rode, einer Dame in der Nachbarschaft, die sehr gut Deutsch sprach. Von ihr erfuhr ich eines Tages, dass ich am nächsten Morgen einer Königin zuwinken dürfte, die gerade zum Staatsbesuch in Norwegen war.
Der damalige Kronprinz Olav und Juliana, Königin der Niederlande, sollten nach Lillestrøm kommen. Ich wurde fein angezogen und bekam ein norwegisches Fähnchen in die Hand gedrückt. Mit Mette-Carine, die ebenfalls festlich gekleidet war, stand ich am Straßenrand und schrie laut „Hurra-Hurra“, als die königliche Kutsche an uns vorbeirollte.
Eigentlich hatte ich mir ja eine Königin ganz anders vorgestellt, mit Krone und Zepter. Ich fand es enttäuschend, dass Juliana lediglich einen Hut trug.
Durch den Umgang mit meinen beiden älteren Brüdern, war ich nicht gerade ein sehr sanftmütiges Mädchen. Cowboy und Indianer spielte ich leidenschaftlich gerne, auch mit den norwegischen Kindern in Astrids Nachbarschaft. Mein Indianername war »Tysker«. Wir kletterten auf die Birken, die hinter Astrids Haus standen. Hinauf schaffte ich es alleine- aber leider nicht mehr herunter.
Als mir Tron zu Hilfe kommen wollte, schrie ich angstvoll meinen ganzen norwegischen Wortschatz heraus: „Kle på deg! Ikke lenger enn til Rode.“ („Zieh dich an! Nicht weiter (gehen) als bis zu (Frau) Rode!“) Nachdem Tron aufgeregt zu seiner Mutter rannte und rief: „Anke sitzt in der Birke und ist verrückt geworden“, half mir Astrid, wieder vom Baum herunter zu klettern. Noch jetzt lachen wir im Familienkreis schallend über diese Anekdote.
Immer wieder überkam mich heftige Sehnsucht nach zu Hause, obwohl es mir in Lillestrøm sehr gut gefiel. Ich war jedoch noch nie zuvor von meiner Mutter getrennt, zu der ich eine besonders enge Beziehung hatte. Zwei Wochen nach meiner Ankunft in Norwegen endete mein Heimweh jedoch plötzlich, genau am Vorabend des 17. Mai. Ich erinnere mich noch so genau daran, weil dies der norwegische Nationalfeiertag ist. Astrid saß beim Friseur, während ich mich heimwehkrank und laut schluchzend in eine Zimmerecke zurückgezogen hatte. Ich ertrug es nicht, wenn Astrid außer Haus war, denn natürlich fühlte ich mich bei meiner Pflegemutter besonders gut aufgehoben.
Niemandem gelang es, mich zu trösten, ich wies jeden zurück, der sich mir zu nähern versuchte. Nach ihrer Rückkehr nahm Astrid mich fest in ihre Arme und brachte mich nach einem warmen Bad zu Bett. Geborgen und voller Erwartungen auf den nächsten Tag, von dem mir schon so viel berichtet worden war, schlief ich ein.
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